Wozu brauchen wir überhaupt Wildbienen?

Wildbienen (zu denen auch die Hummeln gezählt werden) sind ein wichtiger Bestandteil im komplexen Netzwerk der unterschiedlichen Ökosysteme und spielen eine zentrale Rolle in nahezu allen Bereichen des Natur- und Umweltschutzes. Darüber hinaus haben sie durch ihre Bestäuberfunktion aber auch einen direkten Nutzen für den Menschen, und zwar auch in Bereichen, in denen die Honigbienen nicht oder nur bedingt eingesetzt werden können.

Folgende Auflistung gibt einen ersten Überblick über die unverzichtbaren Leistungen der Wildbienen:

  • Von den weltweit 109 wichtigsten Kulturpflanzen sind allein 87 vollständig von tierischen Bestäubern abhängig [1]; 78 Prozent aller Blütenpflanzen in den gemäßigten Breiten sind auf die Bestäubung durch Insekten angewiesen [2]. Bienen sind die wichtigste Bestäubergruppe unter den Insekten [3].

  • Wildbienen bestäuben nicht nur Nutz- sondern auch Wildpflanzen. Zusammen mit anderen bestäubenden Insekten sichern sie damit die die Lebensgrundlage vieler Tiere, die sich von diesen Pflanzen oder ihren Früchten ernähren. Weiterhin dienen sie selbst vielen insektenfressenden Tieren als Nahrung. Der Rückgang vieler Vogelarten kann eindeutig mit der Dezimierung der Insekten in Zusammenhang gebracht werden.

  • Viele Wildbienenarten haben sich auf bestimmte Pflanzengattungen spezialisiert, z.B. die Sandbienenart Andrena lapponica, die ausschließlich frühblühende Heidekrautgewächse zum Pollensammeln nutzt und ein wichtiger Bestäuber der (wilden) Heidelbeere ist.

  • Wildbienen übernehmen die Bestäubung in kleinflächigen Landschaften und anderen Lebensräume, in denen sich die gewerbliche Imkerei nicht lohnt. Aber auch in Gärten und in der Landwirtschaft sorgen Wildbienen und andere bestäubende Insektenarten für eine gute Ernte. Wildbienen können im Vergleich zur Honigbiene je nach geografischer Region, Wetterbedingungen oder Blütenbau ebenbürtige, effizientere oder sogar alleinige Bestäuber bestimmter Blütenpflanzen sein [4].

  • Die Leistungen der Wildbienen sind dabei beträchtlich: Hummeln besuchen z.B. im gleichen Zeitraum drei- bis fünfmal so viele Blüten wie Honigbienen (da sie schwerer sind, müssen sie einen höheren Energiebedarf decken) und bestäuben damit entsprechend auch mehr Blüten.

  • Bei vielen Arten der Nachtschattengewächse (Solanaceaen) und Borretschgewächsen (Boraginaceaen) kann der Pollen nur durch eine bestimmte Technik, dem sogenannten Vibrationssammeln („buzzing“) aus den Blüten geschüttelt werden, welche die Honigbienen nicht beherrscht [5][6].

  • Honigbienen sammeln im Gegensatz zu Wildbienen nicht gleichzeitig Pollen und Nektar; gleichzeitig wird bei ihnen während des Nektarsammelns der Kontakt zu den Staubblättern vermieden. Honigbienen sind daher deutlich weniger effiziente Bestäuber als Wildbienen [7]

  • Als Beispiel: zur effektiven Bestäubung eines Hektars Apfel- oder Mandelblüte reichen ca. 530 bzw. 750 nistende Weibchen der Gehörnten Mauerbiene (Osmia cornuta), währen bei der Honigbiene für die gleiche Fläche 1-2,5 Völker (mit je mindestens 20.000 Arbeiterinnen) benötigt werden [4].

  • Mehr als 200 Wildbienen-Arten (ca. 40% der Wildbienenarten in Deutschland) werden in dem ökologisch besonders schützenswerten Lebensraum Streuobstwiese gefunden und übernehmen selbst dann die Bestäubung, wenn die Witterungsverhältnissen für Honigbienen zu kalt sind (d.h. Temperaturen unter 10 Grad Celsius herrschen) oder der Einsatz von Honigbienen nach der Hauptblüte unrentabel ist.

  • In der Landwirtschaft konnten symbiontische Effekte beim gleichzeitigen Einsatz von Honig- und Wildbienen nachgewiesen werden: auf Anbauflächen in der ganzen Welt erhöhen wildlebende Insekten den Fruchtansatz selbst dann noch, wenn schon sehr viele Honigbienen vorhanden sind [8]. Ein wichtiges Fazit der Studie: Die Artenvielfalt in Agrarlandschaften hat weltweit eine große Bedeutung für die Sicherung der landwirtschaftlichen Erträge. Allerdings hat inzwischen die Insektenvielfalt in vielen Agrarlandschaften durch die Eingriffe des Menschen deutlich abgenommen; entsprechend ist die Bestäubung von Kulturpflanzen vielerorts gestört und gefährdet.

Diese Liste ist natürlich längst nicht vollständig, gibt aber einen ersten Überblick, wie wichtig Wildbienen sowohl für unsere Umwelt als auch für uns Menschen sind.

Entsprechend unverzichtbar ist es daher, sie und ihre Lebensräume zu schützen. Und dabei sind nicht nur die Land- und Forstwirte oder die Gemeinden und Kommunen gefragt – jeder Einzelne von uns kann mit wenig Aufwand dazu beitragen, die Welt für unsere Wildbienen (und damit nicht zuletzt auch für uns) wieder ein kleines bisschen schöner zu machen. Und Spaß macht die ganze Sache auch noch … Wie? Das wird auf den nächsten Seiten verraten!

 

Noch eine kleine Anmerkung:

Wer sich in dieser Richtung gern noch intensiver informieren möchte, dem sei das Buch „Wildbienenschutz – von der Wissenschaft zur Praxis (Bristol Schriftenreihe)“ von Antonia Zurbuchen und Andreas Müller empfohlen, welches auch als Grundlage für diese Seite diente.


post_header_separator

Quellen:
[1] KLEIN, A.M., et al. (2007): Importance of pollinators in changing landscapes for worlds crops. Proc. R. Soc. [Biol.] 274: 303-313
[2] OLLERTON, J., et al (2011): How many flowering plants are pollinated by animals? Oikos 120: 321-326
[3] MICHENER, C.D. (2007): The bees of the world. 2nd Edition. Balimore, The John Hopkins University Press.
[4] ZURBUCHEN, A.; MÜLLER, A. (2012): Wildbienenschutz – von der Wissenschaft zur Praxis. Zürich, Bristol-Stiftung; Bern, Stuttgart, Wien, Haupt. 162 Seiten
[5] WESTRICH, P. (1990): Die Wildbienen Baden-Württembergs. Stuttgart, Ulmer.
[6] FREE, J.B. (1993): Insect pollination of crops. London, Academic Press.
[7] WESTERKAMP, C. (1991): Honeybees are poor pollinators – why? Plant Syst. Evol.177: 71-75
[8] GARIBALDI, L.A. et al. (2013): Wild Pollinators Enhance Fruit Set of Crops Regardless of Honey Bee Abundance. Science 339, März 2013